Möglichkeiten der Bekämpfung
Unter praktischen Gesichtspunkten werden in den Rinderbeständen zur Zeit drei mögliche Bekämpfungsstrategien verfolgt:
- Strategie 1:
Am Beginn einer konsequenten Bekämpfung steht zunächst die Identifizierung möglicher vorhandener persistent infizierter (PI) Rinder, die nach dem Auffinden umgehend aus dem Betrieb entfernt (gemerzt) werden. Da die Hauptverbreitungsquelle somit entfernt wurde, soll auf eine Vakzination verzichtet werden. In der Folgezeit wird durch serologische Stichprobenuntersuchungen der Sanierungserfolg in regelmäßigen Abständen kontrolliert. Ziel dieses Verfahrens ist die Erlangung des Status „BVDV-frei“. Eine Zertifizierung des Betriebes erfolgt.
Konsequenzen aus Strategie 1:
Grundlage dieser Verfahrensweise ist die lückenlose Untersuchung eines Bestandes auf mögliche infizierte Tiere (Virusträger). Weiterhin muss eine kombinierte Haltung mit anderen empfänglichen Tierarten (kleine Wiederkäuer) vermieden werden. Das größte Problem ist allerdings in der derzeitigen Durchseuchungslage der Rinderpopulation und dem uneingeschränkten Tierverkehr die Verhinderung von Reinfektionen. Diese hätte eine erhebliche Schadensbilanz zur Folge, da es sich nunmehr um einen absolut ungeschützten und somit voll empfänglichen Rinderbestand handelt. Folglich darf im Grundsatz kein Zukauf von Rindern erfolgen oder nur aus freien/unverdächtigen Beständen. Weiterhin muss der Personenverkehr auf dem freien Betrieb eingeschränkt und kontrolliert werden. Insgesamt besteht ein kostenintensiver und erhöhter Aufwand an zahlreichen Hygienemaßnahmen.
- Strategie 2:
Ziel dieser Strategie stellt ebenfalls die Identifizierung und alsbaldige Merzung von PI-Tieren dar. Allerdings wird hierbei auf Grund des hohen Infektionsrisikos und der damit verbundenen hohen Schadensbilanz die weibliche Nachzucht vorm Belegen vakziniert. Durch diese Impfmaßnahme kann das Entstehen intrauteriner Infektionen und die Ausprägung eines PI-Tieres verhindert werden. Der Erfolg der Sanierungsmaßnahmen wird durch regelmäßig wiederkehrende Jungtierfenster geprüft. Hierbei werden serologische Stichprobenuntersuchungen auf Antikörper gegen BVDV in der Jungtierherde durchgeführt. Das Jungtierfenster beinhaltet die Entnahme von geronnenen Blutproben vor der ersten Vakzination. Antikörper-positive Jungtiere werden als Beweis für das Vorhandensein von PI-Tieren in der Herde bewertet und umgekehrt. Da durch die Vakzination die Mehrzahl der vorhandenen Tiere BVD-Antikörper-positiv ist, erhält der Betrieb im Falle der seronegativen Jungrinderherde das Zertifikat „BVD-unverdächtig“.
Konsequenzen aus Strategie 2:
Zunächst muss eine lückenlose und kostenintensive Untersuchung des Bestandes auf PI-Tiere durchgeführt werden. Ein Zukauf von Rindern kann nur aus freien/unverdächtigen Betrieben erfolgen. Zukauftiere sollten in Quarantäne auf ihren Status bei Einstallung kontrolliert werden. Da es sich um eine geschützte Herde handelt, sind im Gegensatz zu Strategie 1 die erforderlichen Maßnahmen zur Minimierung eines erneuten Infektionsrisikos wesentlich geringer. Gleiches gilt auch für die Schadensbilanz nach erneuter Einschleppung des Erregers. Die Vakzination gibt somit eine gewisse Sicherheit innerhalb der freiwilligen Bekämpfung der BVD-Infektion nach den Leitlinien. Andererseits stellt es einen guten Anfang zur Einmündung in ein wirkungsvolles Bekämpfungskonzept dar.
- Strategie 3:
Es erfolgt im infizierten Betrieb ohne Erhebung eines Durchseuchungsstatus ausschließlich die Vakzination der weiblichen Nachzucht. Nach Beginn des Verfahrens wird auch hier in regelmäßigen Abständen eine stichprobenartige Kontrolle im Jungtierbereich veranlasst. Mögliche PI-Tiere werden bei Bekanntwerden umgehend gemerzt. Oberstes Ziel ist allerdings, mittels Vakzination die Entstehung von PI-Tieren zu verhindern.
Konsequenzen aus Strategie 3:
Durch die Unterlassung einer konsequenten Diagnostik im Gesamtbestand bestehen bei dieser Verfahrensweise nur lückenhafte Hinweise über den anfänglichen Infektionsstatus, über hinzutretende Neuinfektionen (Infektionsdynamik) und mögliche vorhandene PI-Tiere im Bestand. Diese werden vorwiegend in Form eines Zufallsbefundes bei klinischen Anzeichen (Kümmern, Mucosal Disease, Diarrhoe) entdeckt. Es ist also durchaus möglich, dass zumindest über einen längeren Zeitraum weiterhin PI-Tiere im Bestand vorhanden sind und BVD-Virus in der Herde kursiert. Des Weiteren ist Voraussetzung für das Gelingen dieser Bekämpfungsstrategie, dass die angewandte Vakzine tatsächlich eine Infektion des Fetus im Muttertier verhindert.