Wichtigste bakterielle Erreger

Pasteurelleninfektion einer Rinderlunge: Auch wenn das Tier überlebt, ist der Schaden irreversibel

Auf Grund der Nachweishäufigkeit einschlägiger Untersuchungen zum Vorkommen bakterieller Erreger des Atmungstraktes wird den Pasteurellen (Mannheimia hämolytica und Pasteurella multocida), Arcanobacterium pyogenes sowie Staphylokokken spp. (v.a. Staph. aureus) und Histophilus somni eine besondere Bedeutung beigemessen. Bei der Beurteilung der Pathomechanismen bakterieller Erreger im Rahmen der Enzootischen Bronchopneumonie  erfährt Mannheimia hämolytica auf Grund der Virulenzfaktoren und deren biologischer Wirkung eine herausragende Stellung (Ewers et al. 2004). Erhebungen aus Schleswig Holstein aus den Jahren 1990-1992 (Heyland 2003) unterstreichen ebenfalls die Häufigkeit des Vorkommens einer Pasteurelleninfektion im Bereich des Atmungstraktes. 

In einer aktuellen Studie (Hollberg et al. 2005) wurden in Nordrhein-Westfalen 975 Kälber im Alter von 4-5 Wochen mittels Nasentupfer auf bakterielle Erreger hin untersucht. Während in 5 % der Fälle M. haemolytica nachgewiesen wurde, gelang die Isolation von Pasteurella multocida bei 15,3 % der beprobten Tiere. Der Anteil positiver Chlamydienbefunde lag bei 13 % und Mykoplasmen wurden in 4,1 % der Proben vorgefunden. Bei 172 der 975 Kälbern bestanden deutliche respiratorische Symptome. Bei diesen Tieren fand sich eine statistisch signifikante Prävalenz von M. haemolytica (36,7%). P. multocida konnte in 18,1 % und Mykoplasmen in 12,5% der erkrankten Tiere nachgewiesen werden. Somit spielt offensichtlich M. haemolytica bei der Auslösung respiratorischer Erkrankungen eine herausragende Rolle. 

Eine wesentliche Voraussetzung für die Häufung von Pasteurellennachweisen ist darin zu sehen, dass diese Keime häufig bereits in den ersten Lebensstunden die Schleimhäute des oberen Atmungstraktes des neugeborenen Kalbes besiedeln. Auf Grund immunologischer Barrieren im Rachenbereich (Waldeyerscher Rachenring) verbleiben die Pasteurellen beim gesunden Tier im Bereich der oberen Atemwege. Wird jedoch durch eine vorangehende virale Infektion das Abwehrsystem geschwächt oder eine ständige Reizung der Schleimhaut durch hohe Schadgasbelastung verursacht, können die bakteriellen Keime in den tieferen Teil des Atmungstraktes und in Richtung Lunge abwandern. 
Mannheimia haemolytica umgibt sich mit einer Polysaccharidkapsel und entgeht somit der Phagozytose. Außerdem produziert das Bakterium ein für Makrophagen toxisches Leukotoxin (Andrews 1997; McLenahan et al. 1999; Saban et al. 1997). 

Histophilus somni ist ebenfalls häufig auf den Schleimhäuten der Atemwege bei gesunden und erkrankten Rindern anzutreffen. Durch diverse Umweltfaktoren wird seine Pathogenität begünstigt. Insbesondere bei jungen Mastrindern ab dem 5. – 6. Lebensmonat wird dieser Keim häufig kurz nach dem Einstallen zum Problem. Die respiratorische Erkrankung geht zunächst mit entzündlichen Veränderungen der oberen Atemwege und schließlich mit fibrinöser Bronchopneumonie einher. Oft kommt es zur Mitbeteiligung der Pleura. Im Finalstadium können Sepsis mit deutlichen zentralnervösen Erscheinungen und Polyarthritiden beobachtet werden. Aus Erfahrung des Erregernachweises bei eigenem Patientengut sowie Untersuchungen verschiedener Autoren geht hervor, dass zunehmend auch den Mykoplasmen eine Bedeutung am bronchopneumonischen Geschehen bei Kälbern beigemessen werden muss. Nach Nicolas et al. (2000) werden bis zu einem Drittel aller an Bronchopneumonie verendeten Kälber auf eine Beteiligung mit Mycoplasma bovis zurückgeführt, wobei nach Angaben der Autoren auch diese Zahl eher unterschätzt ist. Im Rahmen der Routinediagnostik verschiedener Untersuchungsinstitute sowie auf Grund unzureichender Entnahme von Probenmaterial unter praktischen Bedingungen werden diese übersehen oder sind nicht nachweisbar (Heckert et al. 1997, Rohn et al. 1998; Nicolas und Ayling 2003). Voraussetzung für die Bewertung der Bedeutung nachgewiesener Erreger ist daher neben der ätiologischen Zuordnung auch die Kenntnis der richtigen Technik bei der Probenentnahme und eines entsprechenden diagnostischen Labors. 

Neben dem Erregernachweis und der Bewertung seiner ätiologischen Bedeutung muss für eine erfolgreiche Therapie das Resistenzverhalten der entsprechenden bakteriellen Erreger gegenüber praxisüblichen Chemotherapeutika und Antibiotika überprüft werden. Allerdings zwingt die tägliche Praxis und das akute Geschehen einer Bronchopneumonie häufig eine Therapie nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip einzuleiten. Ähnliches gilt insbesondere im Kälberzukaufbetrieb. Hier kommen häufig Kälber aus unterschiedlichen Betrieben mit unterschiedlichen Keimspektren zusammen. Die Kälbergruppe werden daher nach der Ankunft teils therapeutisch, aber größtenteils eher metaphylaktisch einer Antibiose unterzogen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Resistenzverhalten der Keime Unterschiede in der regionalen Verteilung aufweist und sich im Verlauf der Zeit immer wieder verändern kann (Fischer et al. 1987; Trolldenier 1999, Wissing et al. 2001; Wallmann 2005; Wallmann 2004).

Wesentlich für einen Erfolg in der Therapie der infektiösen Atemwegserkrankung ist der frühzeitige Behandlungsbeginn, eine ausreichend lange Therapiedauer, die entsprechende Dosis und die gleichzeitige Behandlung aller Kälber einer epidemiologischen Einheit.