Sanierungsprogramme
a) Herkömmliche Sanierungskonzepte
Frühere Sanierungskonzepte beruhten neben Hygienemaßnahmen auf dem Einsatz herkömmlicher nicht markierter Impfstoffe. Alle Rinder sollten frei von BHV1 sein und keine Antikörper gegen BHV1 im Blut haben. Durch die Verabreichung herkömmlicher BHV1
Impfstoffe bilden die Impflinge jedoch Antikörper, die mit den Antikörpern gegen das Feldvirus identisch sind. Eine Unterscheidung zwischen Feld- und Impfvirus ist somit nicht möglich. In beiden Fällen sind die Tiere BHV1-positiv. In früheren
Sanierungsprogrammen wurden die BHV1-freien Rinder und die Nachzucht nicht geimpft, um diese als BHV1-frei zu erhalten. Folglich hatten BHV1-negative Rinder engen Kontakt zu geimpften Feldvirus-infizierten Tieren und waren somit einem ständigen
Infektionsrisiko ausgesetzt.
Vakzinationen mit konventionellen Impfstoffen haben i.d.R. zuverlässig vor klinisch manifesten BHV1 Infektionen geschützt und damit die ökonomischen Verluste in der Rinderhaltung reduziert. Latente Feldvirusinfektionen konnten durch die
Vakzination jedoch nicht verhindert werden.
b) Heutige Bekämpfungsmaßnahmen
Deshalb war die angestrebte BHV1 Sanierung allein durch Vakzination, ohne ein begleitendes Bekämpfungsprogramm, nicht möglich. Einige Europäische Länder wie die Schweiz, Dänemark, Finnland, Schweden und Österreich besitzen heute den Status
„BHV1-frei“. Aufgrund von Handelsbeschränkungen innerhalb der EU für BHV1-positive Rinder wurde vor einigen Jahren beschlossen, die BHV1 Sanierung in Deutschland zu intensivieren. Deshalb werden seit 1997 Infektionen von Rindern mit BHV1 in
Deutschland als anzeigepflichtige Tierseuche bekämpft (VO zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem Bovinen Herpesvirus Typ 1, Erste VO zur Änderung der BHV1 VO vom 29.11.01). Grundsätzlich basiert die Bekämpfung auf zwei
unterschiedlichen Vorgehensweisen.
1. Das Selektionskonzept sieht die Diagnostik und Abschaffung BHV1-positiver Rinder ohne Impfung vor und erlaubt nur in Ausnahmefällen die Vakzination der Tiere. Dieses Konzept wird von Bundesländern mit einer geringen BHV1 Seroprävalenz
befolgt. Dagegen versuchen Länder mit einer hohen BHV1 Seroprävalenz, das Virus mit Hilfe des Markerkonzeptes aus den Beständen zu verdrängen.
2. Das Markerkonzept basiert auf der Impfung mit sog. Markerimpfstoffen und der serologischen Differenzierung von geimpften und Feldvirus-infizierten Tieren durch die Markerdiagnostik. Dabei kommen Impfstoffe aus attenuierten bzw.
inaktivierten Erregern zum Einsatz, bei denen ein Glykoprotein (das Glykoprotein E, gE) fehlt (Deletion).
Grundsätzlich ist die BHV1 VO für die Durchführung von Sanierungsprogrammen geeignet. Allerdings sind die Ausführungen zum Teil widersprüchlich, kompliziert, und fachlich nicht zu begründen oder praxisfremd (Beer 2003). Die Bundesländer haben daher
eine besondere Verantwortung bei der Umsetzung der Verordnung und sollten versuchen, die Ausführungsbestimmungen entsprechend anzupassen und zu überwachen.
Es hat sich gezeigt, dass die Bildung von BHV1 Koordinierungsstellen und die konsequente Aufklärung (Amtsveterinär, Hoftierarzt, Landwirt) die Umsetzung erheblich verbessern. Die verschiedene Ausgangssituation in den einzelnen Bundesländern macht ein
länderspezifisches Vorgehen notwendig. Der Bekämpfungserfolg hängt weiterhin primär von der konsequenten Verfolgung eines Sanierungskonzeptes und einer engen Verzahnung der Beteiligten vom Landwirt bis zum Amtsveterinär ab.