Selektiver JAK1-Inhibitor der 2. Generation – ein wichtiger Schritt in der Dermatologie

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Mit dem ersten in der Tiermedizin zugelassenen selektiven Januskinase1 (JAK1)-Inhibitor Numelvi® (Atinvicitinib), steht eine neue, zielgerichtete Behandlungsoption gegen Juckreiz für Hunde mit allergischer, einschließlich atopischer Dermatitis zur Verfügung. Die hohe Selektivität stellt für Wirksamkeit und Sicherheit einen Durchbruch dar – erfahren Sie mehr.

Die Behandlung von Hunden mit allergischer und atopischer Dermatitis kann für Tierärztinnen und Tierärzte herausfordernd sein. Die Kontrolle von Juckreiz und juckreizbedingten Hautläsionen zählt dabei zu den wichtigen Säulen der Therapie – Symptome, die die Lebensqualität betroffener Hunde wie auch die ihrer Besitzer*innen erheblich einschränken können. So kann Juckreiz oftmals den Schlaf stören oder Alltagsaktivitäten von Hund und Haltenden beeinträchtigen und somit seelischen Stress hervorrufen. Nicht zuletzt kommt der Pruritusbekämpfung eine wesentliche Rolle zu, da ständiges Kratzen Entzündung und Hautschäden vorantreibt, und das Risiko von Sekundärinfektionen steigert.

Bisher standen zur Behandlung von Pruritus bei Hunden Calcineurin-Inhibitoren, Kortikosteroide, monoklonale Antikörper sowie ein JAK-Inhibitor der ersten Generation zur Verfügung – aufgrund von Nebenwirkungen oder nicht ausreichender Verbesserung des Krankheitsgeschehens, kommen nicht alle Optionen im individuellen Fall gleichermaßen infrage.

Für ein erfolgreiches Management der allergischen Dermatitis bei Hunden sind zusätzlich zur Juckreizbehandlung weitere multimodale Maßnahmen erforderlich, darunter:

  • Vermeidung allergieauslösender Ursachen, soweit möglich (z. B. kontinuierliche
Ektoparasitenkontrolle bei Flohspeicheldermatitis, Vermeidung auslösender
Nahrungsbestandteile)
  • Behandlung bestehender Begleitinfektionen der Haut (je nach Ausprägung topisch oder
systemisch)
  • Stabilisierung der Integrität der Haut und ihrer Barrierefunktion (z. B. diätetisch,
Supplementierung essenzieller Fettsäuren, stabilisierende Hautpflege)

Janus-Kinasen: Rolle bei der Entstehung von Juckreiz und Entzündung

Bei der Pathogenese der allergischen und atopischen Dermatitis gelten ein Ungleichgewicht zwischen Zytokinen und abnormale Interaktionen zwischen Immunzellen und Keratinozyten als zentrale Faktoren für die Krankheitsentstehung. Janus-Kinasen sind entscheidend an der ignalvermittlung von Zytokinen beteiligt.

Signalvermittlung durch Janus-Kinasen

Janus-Kinasen zählen zur Gruppe der Tyrosinkinasen. Sie sind rezeptorassoziiert (auf Zytoplasmaseite der Zellmembran) und vermitteln – vereinfacht ausgedrückt – die Signalübertragung von extrazellulär bindenden Zytokinen (und weiteren Liganden) zu den Promotoren der Zielgene im Zellkern (JAK STAT[Signal Transducers and Activators of Transcription]-Signalweg).

Janus-Kinasen: An welchen Prozessen sind sie beteiligt?

Janus-Kinasen spielen eine entscheidende Rolle bei der Regulation von Immunprozessen wie Entzündungen, bei der Hämatopoese sowie für das Wachstum und die Differenzierung von Zellen. Bei Säugetieren sind vier Janus-Kinasen bekannt: JAK1, JAK2 und JAK3 sowie die Tyrosinkinase 2 (TYK2), die jeweils in folgende Prozesse involviert sind:

  • JAK1: Zentrale Rolle bei Regulation von Entzündungen und Juckreiz
  • JAK2: Wichtige Funktion für die Blutbildung
  • JAK3 und TYK2: Beteiligung insbesondere an der Immunfunktion und Wirtsabwehr

Mit der Hemmung von Janus-Kinasen durch Janus-Kinase-Inhibitoren steht ein Weg zur Verfügung, um den Ursprung der Entzündungssignale zu unterbrechen. In Deutschland finden Janus-Kinase Inhibitoren aufgrund ihrer juckreizhemmenden und antiinflammatorischen Wirkung sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin seit einigen Jahren Anwendung. In der Veterinärmedizin fokussiert sich der Anwendungsbereich auf die Therapie der allergischen, einschließlich atopischer Dermatitis bei Hunden.

Bedeutung der Selektivität

Nicht selektive Janus-Kinase-Inhibitoren der ersten Generation können neben JAK1 auch die weiteren Janus-Kinasen beeinflussen, sodass unerwünschte Wirkungen wie Blutbildveränderungen oder eine beeinträchtigte Immunantwort dosisabhängig mit der Hemmung von JAK2, JAK3 sowie TYK2 in Verbindung stehen.

Aus den praktischen Erfahrungen mit nicht-selektiven JAK-Inhibitoren der ersten Generation wurde die wissenschaftliche Hypothese abgeleitet, dass eine therapeutisch effektive und zugleich sichere Behandlung allergischer Erkrankungen primär auf der selektiven Blockade von JAK1 beruht.

Entwicklung des ersten selektiven JAK1-Inhibitors für die Tiermedizin

Seit 2025 steht mit Atinvicitinib (Numelvi ®) EU-weit der erste selektive JAK1-Inhibitor zur Behandlung von Juckreiz bei allergischer (einschl. atopischer) Dermatitis beim Hund sowie zur Therapie klinischer Manifestationen der atopischen Dermatitis bei Hunden zur Verfügung. Bei dem
bislang einzigen JAK1-Inhibitor der zweiten Generation handelt es sich um einen ausschließlich für die Tiermedizin entwickelten, eigenständigen Wirkstoff. Atinvicitinib verfügt über eine mindestens zehnfach höhere Selektivität für JAK1 gegenüber den anderen Janus-Kinasen.

JAK1-Selektivität: Welche klinischen Vorteile bringt sie mit sich?

Tatsächlich bestätigen klinische Daten die Hypothese, sowohl für selektive JAK1-Inhibitoren aus der Humanmedizin (z. B. Upadacitinib oder Abrocitinib) als auch für Atinvicitinib (Numelvi®).

Aus der Selektivität für JAK1 ergibt sich ein verlässliches Sicherheitsprofil bei gleichwertiger Wirksamkeit.

Tierärztinnen und Tierärzte haben damit eine gezielte Therapieoption an der Hand, um Juckreiz bei Hunden mit allergischer und atopischer Dermatitis schnell, wirksam und sicher zu behandeln. In der Zieldosis liegen keine Hinweise auf eine Immunsuppression vor. Die Immunantwort bei Impfungen wird ebenfalls nicht beeinträchtigt, sodass Impfungen während der Behandlung mit Numelvi® wie geplant erfolgen können. Auch liegen keine Hinweise auf Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Behandlung mit anderen Tierarzneimitteln wie:


  • Antibiotika (einschließlich topischer Mittel),
  • Ekto- und Endoparasitika (Isoxazoline, Milbemycine, Avermectine, Pyrethrine und
Pyrethroide),
  • Nahrungsergänzungsmitteln,
  • topischen Haut- und Ohrenreinigern ohne Glukokortikoide sowie
  • medizinischen Shampoos vor.

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Sources

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